[Anzeige] Auf den Spuren der Walser in Davos Klosters.

Anreise. „Ich frage Euch zum letzten Mal, seid Ihr bereit für das Finale.” - „Nein.” „Seid Ihr bereit für den letzten Song.” - „Nee.“ „Ich weiß Ihr seid bereit! Ladies and Gentlemen. Scurr Scurr, macht Lärm für unser letztes Lied.” Zwar komme ich mir vor, als ob ich mich mal wieder Samstags Abends in die heimische Kleinstadt-Disco verirrt hätte, allerdings ist es erst 15 Uhr am Montagnachmittag und ich befinde mich nur wenige Minuten von meiner Unterkunft in Davos Klosters entfernt. Neben mir die selbsternannte DJ Legende Lennart, der seit etwa 6 Stunden die Gewalt über das Aux-Kabel hat und seiner Armaturenbrett-Show einen würdigen Abschluss verleihen möchte. Und so rollen wir, unter musikalischer Begleitung von Capital Bras Hit „One Night Stand“ auf dem Parkplatz des Hotels Grischa ein. Dem Anlass entsprechend fragt Lennart sicherheitshalber nochmal nach: „Bruder, ist das nur ein One Night Stand?“. Die Frage kann ich glücklicherweise verneinen. Wir bleiben bis Samstag, sodass wir genug Zeit haben Davos Klosters ausgiebig zu erkunden.

Nachdem ich bereits im Rahmen der Best of the Alps Tour zwei Tage in Davos verbringen durfte, äußerte ich dem Tourismusverband gegenüber mein Interesse, mehr von der Region erfahren zu wollen. Mitte August saß ich zusammen mit Lennart an den Planungen für eine einwöchige Reise im September. Partyurlaub, Sportprogramm, Städtereise oder Bergtour? Nach ewigem Hin- und Her legten wir uns fest. Wir wollten in die Berge und es sollte eine gelungene Mischung aus Erholungs-, Kultur- und Sportprogramm werden. Da kam mir direkt wieder Davos Klosters mit seinem kostenlosen Sommer-Gästeprogramm in den Sinn…

Nach mehrstündiger Fahrt und einzigartiger Live-Show, stehen wir vollbepackt vor unserem Hotelzimmer; Denken wir jedenfalls. Als wir die Türe öffnen, betreten wir die Suite Bocktenhorn, die reichlich Platz bietet und unsere Erwartungen voll und ganz übertrifft. Weil das eigentliche Programm unseres Trips erst am nächsten Morgen beginnt, entscheiden wir uns, den restlichen Tag etwas ruhiger anzugehen. In aller Ruhe räumen wir unsere Koffer aus und erkunden das Hotel auf eigene Faust. 

Nach einem halbstündigen Mittagsschlaf, spazieren wir am frühen Nachmittag durch den Ortskern von Davos, um uns einen Überblick über die Gemeinde zu verschaffen. Später steuern wir mit dem Auto den Davoser See sowie den Flüelapass an. Es regnet wie aus Kübeln, was uns jedoch nicht davon abhält vor die Türe zu gehen. Getreu dem Motto: "Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung”, wagen wir uns aus dem Auto und halten nach tollen Motiven Ausschau. Die Spiegelung am Davoser See bleibt leider aus, sodass wir nach kurzem Halt weiterfahren. Am Flüelapass entdecken wir eine Brücke, die wir mit der Drohne fotografieren wollen. Sowohl der Regen als auch die nicht vorhandene Speicherkarte machen uns dabei einen Strich durch die Rechnung, sodass wir uns zurück ins Hotel begeben. Dort sind wir mit Petra Ruinatscha vom Tourismusverband zum Abendessen verabredet. In angenehmer Atmosphäre lassen wir den Abend gemeinsam ausklingen und besprechen das Programm für die kommenden Tage. 

Erkundung des Walserdorfs Monstein. Es ist 06.30 Uhr als der erste Wetter klingelt und ich voller Vorfreude den Vorhang aufziehe. “Kannst liegen bleiben, rufe ich Lennart entgegen. Wie ich sehe, sehe ich nicht viel”. Es ist sehr diesig, sodass wir unseren Schönheitsschlaf für einige Minuten fortsetzen, ehe wir uns für das Frühstück fertigmachen. Langsam aber sich klart es auf und die Sonne zeigt sicher von ihrer schönsten Seite. Sicherheitshalber kontrolliere ich, ob auch alle Speicherkarten an Bord sind und ziehe die Zimmertüre hinter uns zu. Im Anschluss an das Frühstück, fahren wir etwa 15 Minuten mit dem Auto in das Walserdorf Monstein. Während wir durch das Dorf gehen entdecken wir zahlreiche wunderschöne Gärten und Holzhäuser sowie eine Schule. Obwohl das auf 1620 Metern gelegene Dorf nur etwa 200 Einwohner hat, gibt es dort eine örtliche Gesamtschule. Ein weiteres Highlight stellt die dorfeigene Brauerei da, wo das Monsteiner Bier gebraut wird, das wir in den kommenden Tagen unbedingt probieren wollen.

Treffen mit Thomas Gadmer - Wissenswertes über die Walser. Zurück im Hotel angekommen, treffen wir uns mit Thomas Gadmer, dem Geschäftsführer der Walservereinigung Graubünden, die heute 2300 Mitglieder in verschiedenen Gebieten zählt. Mit ihm fahren wir gemeinsam in das  Seitental Sertig, um über die Geschichte der  Walser zu sprechen und uns die idyllische Gegend anzuschauen. Petra hat nicht zu viel versprochen. Thomas stellt sich als der perfekte Protagonist heraus. 

Er erzählt uns davon, dass die ganze Landschaft Davos von den Walsern aufgebaut wurde. Der Startschuss dafür datiert auf dem 13. Jhd., als die ersten Walser aus dem Wallis nach Davos einwanderten und einen Vertrag mit den Freiherren von Vaz aushandelten. Zu diesem Zeitpunkt bestand Davos überwiegend aus Wäldern. Für einen jährlichen Zins, erhielten die Siedler im Gegenzug ein Grundstück, das sie in Form von Naturalien oder Geld bezahlten. Da man nicht alles in der Region anbauen konnte, spielte der Import schon sehr früh eine wichtige Rolle. Dementsprechend wurde beispielsweise Vieh über die Pässe in den Süden verkauft und die Siedler kamen schon sehr früh mit Geld als Zahlungsmittel in Kontakt. Thomas Aussage nach zu urteilen, hatten die Siedler einen super Vertrag abgeschlossen, der auch den kommenden Generationen sehr gute Gestaltungsmöglichkeiten bot. Die Bergbauerngesellschaft lebte zu dieser Zeit nah an der Existenzgrenze. Noch heute spricht man davon, dass die Bergbauern stur ihrer Arbeit nachgingen und sich ihre Sparsamkeit auszahlte. Viele alte Davoser Familien sind nach wie vor sehr wohlhabend, weil sie seit Jahrhunderten sehr sparsam leben. Thomas erklärt uns, dass die meisten Ortsnamen heute deutsch sind und man romanische Namen nur selten findet; dazu gehören beispielsweise Clavadel oder auch Sertig. In Sertig angekommen, bekommen wir ein Gefühl für den typisch walserischen Lebensstil vermittelt. Dort haben sich die ansässigen Bauern vor etwa 300 Jahren eine eigene Kirche gebaut, die heute noch den Bauern und nicht der Kirchengemeinde gehört. Jährlich zahlen die dort ansässigen Walser Geld für die Instandhaltung der Kirche ein. Thomas erklärt uns, dass es typisch für die Walser sei, so viel wie möglich allein zu erledigen, und so wenig wie möglich zusammen zu machen. Wenn es jedoch für alle einen Vorteil darstellt, schließt sich die Gemeinde zusammen. Was uns direkt ins Auge fällt, ist die Bauweise der Häuser. Thomas erklärt uns, dass es sich dabei um die sogenannte Strickbauweise handelt, die sich insbesondere durch ihr Stabilität auszeichnet. Typisch für die Walserhäuser ist ihre schmale, hohe und lange Form sowie ihre Holzschindeldächer. Erhalten geblieben ist zudem bei einigen der Hauseingang auf der Seite. Zudem erfahren wir, dass die sogenannte Mauseplatte einzigartig bei der Speicherhütte ist, und es diese in Graubünden nur in Davos gibt. Der sogenannte Speicher auf Stelzen wurde aus dem Wallis mitgebracht und dient zur Aufbewahrung von Korn, Gerste oder Getreide. Lennart und ich sind sichtlich begeistert über die in unseren Augen einzigartige Tradition der Walser. Auf dem Weg zu dem Restaurant, in dem Thomas mit uns zu Mittag essen will, entdecken wir aus der Ferne einen Wasserfall. “Wenn ihr dorthin wollt, essen wir halt erst später.” Neben seiner unnachahmlichen Art, mit der uns Thomas das Leben der Walser näher bringt, ist er offen für unsere Vorschläge, was den gemeinsamen Ausflug sehr angenehm darstellt. Somit entscheiden wir uns sein Angebot anzunehmen und wandern entlang des Walserweges in Richtung Wasserfall. Dieser Weg diente früher dazu, die Walsergebiete über die Berge zu verbinden. Vergleicht man die Strecke der Wanderwege mit den Umwegen durch das Tal, erscheint einem die vor vielen Jahren bevorzugte Wegführung der Walser einleuchtend. Vom Ausmaß des Wasserfalls sind wir fasziniert, sodass wir einige Fotos machen, ehe wir das geplante Mittagessen in Angriff nehmen.

Während unseres Restaurantbesuchs, geprägt von gutem Essen und weiteren Informationen über die Walser, verlieren wir die Zeit aus dem Auge, sodass wir danach die Rückfahrt ins Hotel antreten. Thomas erzählt uns davon, dass Davos genauso wie vor 100 Jahren auch heute etwa 12000 Einwohner zählt und sich der Fokus des Tourismus verändert hat. Durch die Tuberkuloseheilung erlebte der Kurtourismus im 19. Jhd. einen Boom, der jedoch im Laufe der Zeit durch neue Medikamente zur Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheit, immer weiter eingeschränkt wurde. Heute konzentriert sich der Tourismus insbesondere auf den Aktivitäts-, Familien- und Kongresstourismus. Auch die Rückfahrt mit Thomas, entlang der zahlreichen schönen Walserhäuser und blühenden Wiesen, gestaltet sich sehr informativ, sodass ich immer wieder neue Notizen in meinem iPhone festhalte.

Zweite Chance. Im Anschluss an unseren gemeinsamen Ausflug mit Thomas, bereiten wir uns im Hotel auf unsere abendliche Erkundungstour vor. Wir laden noch einmal alle Akkus auf und lassen den Vormittag anhand der erstellten Fotos Revue passieren. “Der war ja mal lässig”, halten Lennart und ich begeistert fest und wählen das Foto für unseren ersten Davos Klosters-Post aus. Erneut beginnt unser Wettlauf gegen die Zeit, denn vor dem Abendessen möchten wir noch zu den beiden Seen oberhalb des Flüelapass, um dort den Sonnenuntergang zu fotografieren. Auf dem Weg nach oben, halten wir nochmal an der Brücke, die wir am Tag zuvor entdeckt haben. Dort probieren wir verschiedene Perspektiven aus und merken nicht, dass es langsam aber sicher dunkel wird. In Windeseile fahren wir weiter zu den beiden Seen. Den Sonnenuntergang haben wir verpasst; ohne Foto fahren wir jedoch nicht zurück.

Glücklicherweise haben wir das Stativ im Kofferraum, sodass wir eine tolle Aufnahme am See umsetzen können. Ehe wir zurück in Richtung Hotel fahren, treffen wir an dem See auf zwei Holländerinnen, die sich den matschigen Pfad zum Ufer ausleuchten. Zugegebenermaßen stellen sich die beiden sehr ungeschickt an und landen um Haaresbreite im Wasser. Für ihr Erinnerungsfoto posieren sie zusammen auf einem Stein. Schnell wird deutlich, dass sie dort nicht mehr alleine runterkommen, sodass wir ihnen unsere Hilfe anbieten. Eine der beiden erzählt uns, dass sie in Davos in einem Krankenhaus arbeitet und sie dort ihre Freundin besucht. Die Beiden sind uns sympathisch, sodass wir uns am späteren Abend noch in Davos verabreden. Zunächst müssen wir jedoch zurück ins Hotel, da wir noch nicht zu Abend gegessen haben und allmählich der Magen knurrt. Glücklicherweise stellt unsere verspätete Ankunft kein Problem dar und die Kellnerin weist uns nochmal ausdrücklich darauf hin, dass wir uns beim Essen nicht hetzen sollen. 

Am kommenden Tag erwarten wir das anstrengendste Programm unseres Aufenthalts, sodass wir uns als Ziel setzen, spätestens um 23 Uhr im Bett zu liegen. Zugegebenermaßen, Ziele setzen ist einfach, sie einzuhalten manchmal jedoch umso schwieriger. Nach einem unterhaltsamen Treffen mit den beiden Holländerinnen, nimmt das abendliche Unterhaltungsprogramm kein Ende. Ein YouTube Video folgt dem nächsten und die Erzählungen über vergangene Unternehmungen lassen auch keine Ruhe einkehren. Gegen zwei Uhr entscheiden wir jedoch, dass es wohl besser sei, ins Bett zu gehen. Eine weise Entscheidung, denn um sieben Uhr klingelt bereits der Wecker.  

Naturschauspiel der Extraklasse - Wanderung zu den Jöriseen. Nach einem umfangreichen Frühstück, erhalten wir an der Rezeption unsere Lunchpakete für die Wanderung zu den Jöriseen. Direkt vor dem Hotel liegt die Station Bahnhof Platz. Von dort aus fahren wir mit dem öffentlichen Bus bis zur Station Wägerhus. Im Bus macht sich relativ schnell der Schlafmangel bemerkbar und ganz zu unserer Freude, dürfen wir an der nächsten Haltestelle unerwartet umsteigen. Unsere Sitzplätze geben wir schweren Herzens auf und fahren mit dem nächsten Bus zur Zielstation. Motivation sieht sicherlich anders aus, jedoch wissen wir zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht, was uns später erwartet. Als wir einige Meter zu Fuß zurückgelegt haben, sieht die Situation schon ganz anders aus. Für Lennart ist es die erste richtige Wanderung, die er jedoch super absolviert. „Das hier dient quasi als Vorbereitung für die neue Saison“, bemerkt Lennart hinsichtlich unseres bevorstehenden Basketballspiels Ende September. Nach etwa 40 Minuten erreichen wir unser erstes Ziel. Angekommen an der zweiten Wegbeschilderung, können wir zum ersten Mal auf die Jöriseen blicken. Von dort aus geht es nur noch bergab, sodass wir eine kleine Foto- und Trinkpause einlegen. Bis auf eine Stelle, ist der Weg ohne große Mühe zu absolvieren und stellt bei strahlendem Sonnenschein das perfekte Vormittagsprogramm dar. An den Jöriseen lassen wir uns viel Zeit und nehmen einige Fotos auf. Die Farbe des Wassers ist unbeschreiblich schön. So etwas haben wir beide noch nie zuvor gesehen und können es nicht erwarten, die Fotos am Computer zu bearbeiten. Von den Jöriseen aus geht es weiter zu der Endstation unserer Wanderung. Nach insgesamt 3,5 Stunden Fußmarsch erreichen wir das Berghaus Vereina, wo wir Einkehr halten. Im Anschluss an das gemütliche Mittagessen auf der Terrasse des Restaurants, fahren wir mit dem Bus zum Bahnhof Klosters Platz. Wir liegen optimal in der Zeit und erwischen nur wenige Minuten nach unserer Ankunft den Zug zurück nach Davos Platz. Im Hotel angekommen ruhen wir uns aus und bearbeiten die ersten Fotos. So anstrengend wie erwartet war es nicht, sodass wir frohen Mutes der E-Bike Tour am kommenden Vormittag entgegenblicken.

E-Bike Tour zum Jenisberg. Am nächsten Tag fahren wir nach einem stärkenden Frühstück mit dem Bus zum Bahnhof Davos Dorf, wo wir gegen neun Uhr an der Bike Academy mit Marcel verabredet sind. Marcel arbeitet bei der Bike-Academy und soll uns das Fahren der E-Bikes an diesem Tag näher bringen. Als er erzählt, dass er ebenfalls gerne fotografiert, kommen wir drei schnell auf einen gemeinsamen Nenner. Bevor wir losgehen, macht uns Marcel mit den geltenden Regeln vertraut, denn Wanderer und Mountainbiker dürfen dieselben Wege benutzen. Hierbei ist eine rücksichtsvolle Einstellung beider Seiten die Voraussetzung für ein erfolgreiches Miteinander auf den Wegen. Vom Bahnhof Davos Dorf fahren wir entspannt in Richtung Golfplatz und von dort aus auf die Schotterstraße in Richtung Clavadel. Über den Junkerboden wechseln wir die Talseite und radeln durch Spina nach Monstein. Über sanft ansteigende Wanderwege fahren wir von Monstein zum Schmelzboden, wo man das Bergbau Museum besichtigen kann. Marcel gibt ein sportliches Tempo vor, mit dem wir gut mithalten können. Als nächstes fahren wir zu einer Steinbrücke, ehe wir einen tollen Blick auf das Wiesnerviadukt erlangen, wo in diesem Augenblick die Bahn rüberfährt. Marcel erzählt uns, dass täglich historische Fahrten zwischen Davos Platz und Filisur angeboten werden. Dabei erkunden die Passagiere der Krokodil-Lok das Landwassertal auf besondere Weise. Im Anschluss an unseren kurzen Zwischenstopp fahren wir zum Jenisberg, wo wir zum Mittagessen einkehren möchten. Langsam aber sicher bekommen wir die ersten Grenzen aufgezeigt. Auf dem Schotterweg dreht das ein oder andere mal zwar das Rad durch, den Anstieg bekommen wir dennoch recht gut bewältigt. Wer davon ausgeht, dass einem das E-Bike beim Radfahren die Arbeit abnimmt, liegt gänzlich falsch. Es unterstützt einen auf steileren Passagen sehr gut, treten muss man dennoch selbst. So bleibt es nicht aus, dass das ein oder andere “Wie lange noch” Marcel erreicht. Nach dem anstrengenden Aufstieg belohnen wir uns im Jenisberger Gässälibeiz mit einem Mittagessen, wo wir wie immer sehr freundlich empfangen werden. Der Inhaber erzählt uns, dass das Restaurant seit dem Jahre 2000 geöffnet ist und damit das erste Restaurant am Epictrail darstellt. Wenn man vom Jakobshorn startet, findet man als Biker hier die erste Schenke. Insbesondere Wanderer und Radler schauen gerne vorbei. Von dem Inhaber erfahren wir einiges zu den Bewohnern des Jenisbergs. Dieser zählt acht Einwohner, die das ganze Jahr dort verbringen. Auch beim Jenisberg handelt es sich um eine typische Walsersiedlung, sodass wir durch unser kürzlich erworbenes Walserwissen schnell ins Gespräch kommen. In früherer Zeit waren die Bauern am Jenisberg sehr arm, sodass die Siedlung mindestens vier bis fünf Höfe brauchte um nicht einzugehen. Er erzählt uns, dass in höchsten Zeiten bis zu 70 Leute am Jenisberg wohnten. Dazu zählten zum Teil die Knappen aus dem Bergwerk, die in drei nebeneinanderliegenden Häusern beheimatet waren. Als es einen Brand gab, blieb eines der drei Häuser stehen, aus dem später eine Schule errichtet wurde. Noch heute heißt es, dass über den Jenisberg der Geist Johannes Strubs wacht. Dieser entdeckte nach langem Stillstand das Bergwerk wieder und begann damit die Stollen auszugraben. Nach einer entspannten Pause und einem tollen Einblick in die Geschichte der recht überschaubaren Walsersiedlung, geht es für uns mit den Rädern bergab zum Wiesner Bahnhof. Von dort aus fahren wir mit der Bahn zurück nach Davos Dorf, wo wir unsere Fahrräder abgeben und uns von Marcel verabschieden. Insgesamt sind wir sowohl von der Strecke als auch von der Fahrt mit den E-Bikes begeistert, obwohl unser Ausflug kräftezehrender als erwartet ausfällt. Somit entscheiden wir uns, die verbleibende Zeit vor dem Abendessen entspannt anzugehen und lediglich ein paar Fotos zu bearbeiten.

Haushalt und Leben der Walser. Am kommenden Morgen macht sich die über 30 Kilometer lange Radtour langsam aber sicher bemerkbar. Jedoch steht zu guter letzt ein ruhigeres Tagesprogramm auf unserer Agenda, mit dem wir uns sehr gut anfreunden können. Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Auto zum Walsermuseum in Klosters, zu dem sogenannten Nutli Hüschi. Dort sind wir mit der Vorsteherin der Walserveinigung verabredet, die sich den Vormittag freigehalten hat, um uns durch das Museum zu führen. Nachdem wir bereits einige Walserhäuser von außen sehen konnten, freuen wir uns endlich einen Blick ins Innere werfen zu können. Von Barbara Guyan erfahren wir, dass sich die Einteilung der Häuser recht ähnlich darstellt und das Meiste aus Holz angefertigt wurde, da es früher sehr viele Wälder gab. Man verarbeitete das, was in der jeweiligen Region vorhanden war. Zudem wurde das Wohnzimmer immer gegen das Tal gebaut und die Küche gegen den Berg gemauert. Das Museum gibt es bereits seit 1925, wodurch es das zweitälteste in Graubünden darstellt. Zu verdanken hat man es Fritz Schoellhorn, einem Feriengast, der das Haus im Originalstil wieder aufgebaut hat. Das Haus wurde ursprünglich von Christian Nutli, Teil des alten Walser Geschlechts Nutli, im Jahre 1565 erbaut. Dass die Leute damals sehr klein waren, stellt Lennart fest, als wir den Keller betreten. Aufgrund der Körpergröße sah man damals keinen Grund noch tiefer in den Grund zu graben, weshalb Lennart, im Gegensatz zu meiner Wenigkeit, an seine Grenzen stößt.

Barbara Guyan erklärt uns, dass man den Kellerboden aus Erde baute, da er somit Feuchte abgab und die Erhaltung des dort lagernden Käses unterstützte. Des Weiteren erhalten wir von ihr weitere Informationen über die damalige Ernährung. Gemüse war früher nur wenig vorhanden, weshalb sich die Walser überwiegend von Butter, Milch und Fleisch ernährten. Sowohl beim Hausbau als auch bei der Verpflegung, nutzten die Leute die Mittel, die vorhanden waren. Nach der Besichtigung des Kellers, führt uns Barbara Guyan in die Küche, die sich im Erdgeschoss befindet. Dort gibt es zwei Feuerstellen. Eine zum Kochen, die andere diente dem Beheizen der Stube. Sie erzählt uns, dass früher alles in Breiart gekocht und vieles wiederverwendet wurde. Wenn beispielsweise eine Sense kaputt war, fügte man ihr Löcher hinzu und nutzte sie als Reibe. Damals gab es natürlich noch keine Elektrogeräte, sodass man anstelle des Kühlschrankes eine sonnengeschützte Nische in der Wand anbrachte. Dadurch, dass Seife sehr teuer war, wurden Bettwäsche und Tischwäsche nur zwei mal im Jahr in einer Lauge gewaschen. Auch die groben Bekleidungsstücke wurden nur zwei Mal im Jahr in einem großen Bottich gereinigt. Dazu wurde die Kleidung bis zu sieben mal überbrüht, bis sie komplett eingeweicht war. Anschließend wurde sie am zweiteiligen Brunnen ausgewaschen. Dieser verfügte über einen großen und einen kleinen Trog. Das Schmutzwasser floß während der Reinigung in den kleineren der Beiden. Zudem wurde nur einmal im Monat Brot gebacken, weshalb man das Brot aufschichtete und zwar so hoch, dass die Mäuse nicht drankamen. Des Weiteren unterstützten die sogenannten Klotzfallen die Abwehr der Mäuse. “In einem solchen Haushalt wohnten damals bis zu zehn Personen”, erklärt Guyan während wir in das nächste Zimmer treten. Die Kinder gingen von Herbst bis Frühling in die Schule. Den Rest des Jahres halfen sie ihrer Familie zu Hause. Die Mädchen kümmerten sich um die Handarbeit, während die Jungen dem Vater auf dem Feld halfen. Selbst die Schulranzen der Kinder wurden aus Holz gebaut. Häufig kamen die Kinder jedoch mittags nicht nach Hause, weil es im Dorf selbst keine Schule gab. In diesem Fall wurde die Nahrung mitgenommen und beispielsweise bei Verwandten oder Freunden der Tag verbracht. Zudem hatte der Lehrer neben seiner schulischen Tätigkeit eine kleine Landwirtschaft oder arbeitete als Pfarrer oder Arzt, wenn die Schule geschlossen war. Laut Barbara Guyan hatten die Freiherrn von Vaz große Freude an der Bescheidenheit und dem Fleiß der Walser, weshalb sie ihnen mehr Rechte als anderen Romanen einräumten.

Als wir das Obergeschoss betreten, werden wir direkt auf ein kleines Fenster aufmerksam, das sogenannte Seelenfenster, das den verstorbenen Seelen den Auslass gewähren sollte. Die Betten sind alle sehr kurz, was unteranderem daran liegt, dass sich die Leute nicht trauten gestreckt zu liegen. Sie dachten, sie bekämen zu wenig Luft, weshalb sie eher aufrecht schliefen. „Man liegt erst gestreckt sobald man tot ist”, erzählt uns Guyan mit einem Zwinkern. Zu guter Letzt, werfen wir einen Blick in den Stall, der früher in Kleinviehstall und Kuhstall unterteilt war. Heute hat man dort die Werkstatt eingerichtet, um zu veranschaulichen, welche Werkzeuge man früher verwendete. Beim gemeinsamen Mittagessen sind Lennart und ich uns sicher, dass wir schon einiges über die Geschichte und das Leben der Walser erfahren haben. Gleichermaßen sind wir davon fasziniert, dass man früher darauf achtete, eine andere Verwendung für etwas zu finden, nachdem es seinem eigentlichen Zweck nicht mehr diente.

Zu Besuch im Blumendorf Saas. Nach unserer Mittagspause fahren wir nach Saas, wo wir uns mit Rolf Rauber treffen. Rauber wirkt sehr entspannt und ist für nahezu jeden Spaß zu haben. Er berichtet uns über den Aufbau des Dorfes, das aus zwei Gassen besteht und erzählt uns, dass bis Ende 2015 Saas eine selbstständige politische Gemeinde war. Saas liegt ungefähr 10 Kilometer nordwestlich von Klosters und stellt den nördlichsten Campanile-Turm Graubündens, den man Heinrich von Albertini zu verdanken hat. Rauber führt uns zunächst durch die Kirche und anschließend über die untere Gasse sowie die Hauptgasse des Dorfes. Er berichtet uns von der Geschichte Saas, die unteranderem der Brand von 1741 kennzeichnet, bei dem Teile der Kirche abbrannten. Da damals kein Geld zum Wiederaufbau zur Verfügung stand, trat die Bündner Synode in Kraft. Im ganzen Kanton wurde daraufhin die Brandsteuer zum Wiederaufbau der Kirche erhoben, die im 16 Jhd., wie auch alle anderen Kirchen, reformiert evangelisch war. Typisch walserisch finden wir auch heute in Saas eine sehr schlichte Kirche vor. “Die Kirche stammt aus dem Jahre 1290, der neue Kirchturm wurde 1741 erbaut”, erzählt uns Rauber während wir durch die Gassen spazieren. Rund um den Kirchturm befinden sich viele markante Doppelhäuser, die teilweise direkt mit einem Stall verbunden sind. Neben zahlreichen Informationen zu den Walsern, von denen uns mittlerweile schon berichtet wurde, erklärt uns Rauber, dass das Haus immer mit der Front gegen Süden steht, der Stall in der Regel in Richtung Ostwest erbaut wurde. Besonders stolz ist Rauber auf die Auszeichnung Saas zum Blumendorf. Soweit das Auge reicht, findet man auf den Balkonen bunte Blumenkästen, die im Zusammenspiel mit den Holzhäusern ein tolles Motiv darstellen.

Auf Wiedersehen. Nach dem schönen Rundgang durch das Dorf, geht es für uns zum letzten Mal ins Hotel Grischa. Da die Schulferien in Baden-Württemberg enden, entscheiden wir uns bereits von Freitag auf Samstag nach Hause zu fahren um weitestgehend mögliche Staus zu umgehen. Im Hotel packen wir unsere Sachen zusammen und treffen uns zum Abschluss mit Petra und Andreas vom Tourismusverband zum gemeinsamen und leider letzten Abendessen.

Wer hätte es gedacht. Im Auto angekommen, hat Lennart bereits die Playlist präpariert und das Aux-Kabel mit seinem Handy verbunden. Die Rückfahrt verläuft gleichermaßen unterhaltsam wie Aufenthalt und Hinweg, und die lästigen Staus bleiben uns erspart. Während ich Lennart den ein oder anderen Verbesserungsvorschlag für seine Playlist unterbreite, sind wir uns in einer anderen Angelegenheit einig.

Unabhängig davon, ob man nach einer geeigneten Region für einen Familien, Kultur- oder Sporturlaub sucht, Davos Klosters hat für jeden etwas zu bieten. Wir kommen gerne wieder!