[Anzeige] Pandabären, Bambuswälder und Feuertopf - der legendäre Südwesten Chinas

Es ist Anfang Juni und kurz nach 22 Uhr. Ich sitze am Schreibtisch in meinem Hotelzimmer und importiere die Fotos von meiner Speicherkarte auf die Festplatte meines Rechners. Während sich im schleichenden Prozess meine Lightroom-Bibliothek füllt, lasse ich die letzten Tage noch einmal Revue passieren. Ich befinde mich 7885 Kilometer von zu Hause entfernt und mein Hotelzimmer erweckt den Anschein als ob ein Frühpubertierender sturmfrei hätte. Auf dem Schreibtisch reihen sich Cola-Dosen mit der Aufschrift 可乐 aneinander. Daneben liegen frisches Obst und zahlreiche Süßigkeiten aus der Heimat; eingekauft im nahegelegnen Supermarkt für 67,79 Renminbi Yuan (CNY) - umgerechnet nicht einmal zehn Euro. Aus meinem überladenen Koffer schauen mir die Pandabärkuscheltiere bereits entgegen, als wollten sie signalisieren, dass dieser wegen Überfüllung nun geschlossen sei. Der großen Herausforderung des Kofferpackens gehe ich erst einmal aus dem Weg. Ich schaue aus dem Fenster des Hotelzimmers auf einen nahegelegenen Platz und beobachte eine kleine Menschenmenge vor einem Supermarkt. Jung und Alt, ein Altersunterschied von schätzungsweise 50 Jahren, die sich zur späten Stunde noch unterhalten. Worüber mögen sie wohl reden? Wie es der Familie geht? Ob den Jüngeren ihr Studium Spaß macht? Ich weiß es nicht. Selbst wenn ich unmittelbar daneben stehen würde, wäre ich derselbe stille Beobachter, der allerhöchstens Emotionen anhand ihrer Gestik und Mimik zu deuten versuchen könnte. Der Importiervorgang der Fotos ist inzwischen abgeschlossen. Ich synchronisiere meine fotografischen Highlights des Tages mit meinem iPhone und füge sie zu meiner Instagram-Story hinzu. Den letzten Schnappschuss beschreibe ich mit den Worten: „We finally met some Pandas“ und teile die Momentaufnahme des kuscheligen Säugetieres mit der Außenwelt. Ähnlich wie an den vorherigen Abenden ist es spät geworden. Ich putze mir die Zähne und stelle meinen Wecker auf 09.30 Uhr; denn im Gegensatz zum bisherigen Tagesprogramm, kann ich am letzten Tag unseres Trips ausschlafen. Ich schalte das Licht aus, schließe meine Augen und trete eine Zeitreise durch die vergangenen Tage an. 

Unsere Reise startet in Frankfurt, wo sich alle Reiseteilnehmer zusammenfinden. Nach kurzem Kennenlernen am Check-In-Schalter, geht es zu neunt zum Gate von Air China. Die letzte Möglichkeit, sich die Beine zu vertreten und sich mit Lesestoff für den zehnstündigen Flug in das weinentfernte China zu versorgen. Viele Sitzplätze bleiben frei, sodass uns das Bordpersonal genehmigt, uns ein wenig auszubreiten. Einige Angehörige der Blogger-Reise waren bereits einmal in Asien. Zusammen mit meinen Sitznachbarn Frauke, Marcel und Pelle betrete ich Neuland. Wir tauschen uns über unsere Erwartungen an das Land aus und schnell wird deutlich, dass alle besonders auf das Essen gespannt sind. Die Verpflegung während des Flugs lässt uns einen ersten Vorgeschmack erhaschen. Vom kulinarischen Angebot bin ich positiv überrascht. Nach dem Essen schaffe ich es die Augen zu schließen, ehe durch den Flieger ertönt, dass wir in Kürze den Landeanflug antreten. 

Wir landen in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan. Der Mehrheit unserer Gruppe sieht man den Schlafmangel an. Die meisten, mich inbegriffen, würden am liebsten weiterschlafen. Doch am ersten Tag startet bereits unser Programm, sodass es erforderlich ist, sowohl den Jetlag als auch den inneren Schweinehund zu überwinden. Nach der Überprüfung unserer Einreisegenehmigung und der erneuten Kontrolle unseres Gepäcks, treffen wir auf unseren Reiseführer Billy. Als er uns sieht, strahlt er über beide Ohren und heißt uns herzlich willkommen. Er führt uns zu unserem Reisebus mit dem wir zu unserer ersten Unterkunft fahren. Unter schwülen Wetterbedingungen durchqueren wir den Weg vom Flughafen bis zum Hotel. Während wir einen ersten optischen Eindruck von der Architektur Chengdus vermittelt bekommen, erzählt Billy über den Aufbau und die Historie der Stadt. Diese sei seit Jahrhunderten für ihre ausgezeichnete Küche, die romantischen Teehäuser, zahlreichen Parks und Tempel bekannt und zähle mittlerweile über zwölf Millionen Einwohner. Heute gilt Chengdu als eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Während man die Wolkenkratzer und modernen Wohnhochhäuser kaum mehr nachzählen könne, fände man nur noch wenige alte Gebäude. Die Strecke vom Flughafen zu unserem Hotel ist nicht besonders lang. Allerdings herrscht bereits in den frühen Morgenstunden sehr dichter Verkehr und im Gegensatz zu den deutschen Vorschriften, scheint es hier keine Helmpflicht für Zweiradfahrer zu geben. Im Hotel angekommen, verbleibt genug Zeit, um sich noch einmal hinzulegen und sich frisch zu machen. Gegen Mittag fahren wir mit dem Bus zu unserem ersten Ziel, dem buddhistischen Wenshu-Kloster. Wir erfahren, dass der Tempel dem Wenshu, dem Gott der Weisheit gewidmet wurde und dass die Gründung auf das siebte Jahrhundert zurückgeht. Viele Chinesen huldigen kniend unter den Kiefern- und Gingkobäumen den Schreinen. 

Im Anschluss fahren wir weiter zur Jinli Altstraße, welche als erste Straße des Shu-Königreichs bezeichnet wird. Im Gegensatz zum Wenshu-Kloster, ist die Jinli-Straße dicht besiedelt, sodass man schnell den Überblick über die anderen Mitreisenden verliert. Was mir jedoch sehr gut gefällt, ist die traditionelle und bunte Architektur der Gebäude, die ein Kontrastprogramm zur modernen Innenstadt darstellen. Den ersten Tag lassen wir in einem der nahegelegenen Parks ausklingen. Wir sind sichtlich begeistert. Sowohl junge als auch alte Leute treiben gemeinsam Sport, musizieren oder unterhalten sich bei einer Tasse Tee. Und wir stellen schnell fest, dass sie sich darüber freuen, dass wir an ihrer Kultur interessiert sind. 

Am darauffolgenden Tag fahren wir in das nahegelegene Leshan, wo wir im Rahmen einer Bootsfahrt die weltgrößte Buddha-Figur aus Stein besichtigen. Diese ist 71 Meter hoch und bis zu 28 Meter breit. Die Figur wurde im achten Jahrhundert über 90 Jahre lang von buddhistischen Mönchen in eine Felswand gehauen, um die passierenden Boote und ihre Passagiere vor Unwettern zu schützen. Nicht nur die Figur wird von den Touristen fotografiert. Auch wir werden von zahlreichen Einheimischen nach Selfies gefragt und mutieren zur Überraschungsattraktion der Bootsfahrt. Im Anschluss an das Mittagessen fahren wir weiter zum Fuß des Eimeishan Bergs, den wir am nächsten Morgen besichtigen. Der Emeishan Berg ist einer der vier heiligen Berge des Buddhismus und liegt 160 Kilometer von Chengdu entfernt. Seit dem sechsten Jahrhundert gilt das Gebirge als heiliger Ort des Buddhismus. Vor unserem Gipfelantritt werden wir ausdrücklich davor gewarnt, unsere Wertgegenstände aus unseren Hosentaschen zu entfernen und bestmöglich im Rucksack zu verstauen. Denn die dort ansässigen Makaken sind Menschen gegenüber sehr zutraulich. Am Gipfel angekommen, befinde ich mich in einem Wechselbad der Gefühle. Einerseits bin ich fasziniert von der tollen Aussicht, andererseits ein wenig enttäuscht, die Affen nicht gesehen zu haben. Nach einem etwa einstündigen Aufenthalt auf dem Gipfel des Emeishan, treten wir den Weg zurück ins Tal an. Und wer hätte es gedacht, die Makaken haben sich bereits auf die Lauer gelegt. Eigentlich bin ich ein großer Fan von Überraschungen. Es wirkt allerdings eher angsteinflößend als überraschend, wenn ein Affe mit einer Mülltüte bis auf wenige Zentimeter an einem vorbeiläuft. Zudem muss ich zugeben, dass ich mir die Tiere deutlich kleiner vorgestellt hatte. Zumindest von meiner Seite aus besteht großer Respekt gegenüber den Makaken. 

Als ich abends ein Foto bei Instagram teile und die anderen Nutzer frage, ob sie bereits Erfahrungen mit den Affen am Emeishan Berg gesammelt haben, schreibt mir ein Nutzer, dass ihm ein Affe auf seinen Rucksack gesprungen sei. Rückblickend bin ich heilfroh ein gesundes Maß an Distanz eingehalten zu haben.  

Aufgrund einer Vollsperrung verbringen wir den vierten Tag nur im Bus und nutzen die Zeit, um uns sowohl über unsere bisherigen Eindrücke als auch weiteren Erwartungshaltungen an die Reise auszutauschen. Hoch im Kurs steht bei allen der Besuch der Pandabärstation. Gegen Abend kommen wir im tibetisch geprägten Gebiet des Danba-Tals an. 

Am nächsten Morgen erkunden wir die Dörfer der Region und erhalten einen Einblick in das Leben und die Kultur der Bewohner des Danba-Tals. Die Menschen sind sehr freundlich. An verschiedenen Parkplätzen bietet sich die Möglichkeit, Gewürze oder frische Lebensmittel bei Einheimischen zu kaufen. Obwohl keiner von ihnen der englischen Sprache mächtig ist, funktioniert die Verständigung über Gestik und Mimik. Insbesondere durch die getrockneten Apfelscheiben, ziehen sie einige von unserer Gruppe als Neukunden an Land. Im Anschluss an die Erkundung der Dörfer, besichtigen wir die Innenstadt Sezuans. Während wir durch die Stadt spazieren und am ein oder anderen Schaufenster anhalten, wird mir bewusst, dass wir zumindest optisch Außenseiter sind. Egal wo wir sind, wir fallen auf. Wir sehen nicht aus wie die meisten und ich stelle mir die Frage, wie es wohl wäre, hier geboren zu sein. Ich hätte andere Werte vermittelt bekommen, wäre Teil einer anderen Kultur. Immer wieder mache ich mir bewusst, wie weit ich von zu Hause entfernt bin und wie schnell eine andere Welt heute zu erreichen ist. Plötzlich blicke ich in das lächelnde Gesicht einer alten Frau und erneut realisiere ich, dass es egal ist, woher man kommt, wie man erzogen wurde und welcher Religion man angehört. Im Endeffekt schlägt jedes Herz gleich. 

Am sechsten Tag ist es dann endlich soweit. Wir bekommen die Pandabären hautnah zu Gesicht. Und schnell wird deutlich, dass an der zugeschriebenen Gelassenheit der Tiere etwas wahres dran ist. Während einer der Pandabären im Baum sitzt und sich nicht vom Fleck rührt, kauen die anderen an ihren Bambusstangen. Billy erklärt uns, dass ihre Gelassenheit damit zusammenhänge, dass die Bären einen ungewöhnlich niedrigen Energieverbrauch haben. Ein Vorteil für das perfekte Foto. Denn so leicht ist es bislang keinem von uns gelungen, ein Tier fotografisch einzufangen.

Am vorletzten Tag besuchen wir das UNESCO Weltkulturerbe Dujiangyan, das seit 2300 Jahren den Fluss Min reguliert. Dort begegnen wir einer chinesischen Schulklasse, die von unserem Besuch total fasziniert ist. Im Gegensatz zu den meisten anderen Einheimischen, sprechen sie sehr gut Englisch und zählen uns zahlreiche deutsche Nationalspieler auf, denen sie nacheifern. Zu guter Letzt machen wir ein gemeinsames Gruppenfoto, ehe wir zurück nach Chengdu fahren.


Meine Zeitreise endet. Um 09.30 Uhr klingelt wie geplant mein Wecker und der letzte Tag unseres Aufenthalts in China bricht an. Ebenso wie ein Teenager unter Zeitdruck steht, das Haus vor der Ankunft seiner Eltern in einen vernünftigen Zustand zu bringen, widme ich mich der Aufgabe, auf Biegen und Brechen alles in meinem Koffer zu verstauen. Das lebensgroße Pandabärbaby-Kuscheltier stellt dabei keine große Hilfe dar. Um 12.00 Uhr verlasse ich wie geplant das Hotelzimmer und treffe mich mit den anderen Reiseteilnehmer in der Lobby.  Am Nachmittag besuchen wir das bekannte Sanxingdui Museum, bevor wir den letzten Abend beim Hot-Pot-Essen, Sichuans kulinarischer Spezialität, ausklingen lassen. Nach einem letzten Spaziergang durch die Straßen Chenguds, brechen wir gegen 21.30 Uhr in Richtung Flughafen auf. Während des Rückflugs finde ich nur wenig Schlaf. Ich durchforste mein Handy nach den Fotos und Videos der vergangenen Woche und mir wird bewusst, dass dies nicht meine letzte Reise nach Asien war.